Faszination Rollstuhlbasketball

Perfekte Beherrschung des Rollstuhls, Wurftechnik, taktisches Spielverständnis, Kondition, Kraft und Härte: Rollstuhlbasketball verlangt seinen Akteuren sehr viel ab - und ist gerade deshalb so beliebt. Vor dem ottobock.SUPERCUP waren wir beim Training der Sitting Bulls dabei und haben uns in den Bann des großen orangen Balles ziehen lassen.

Rollstuhlbasketball spielt sich auf hohem Niveau ab - Matthias Wastian (li.) und seine Kollegen von den Sitting Bulls trainieren deshalb mehrmals wöchentlich.

“Rede ich Japanisch?!” Wenn man nur hinhört, klingt es in der Sporthalle nach einem Training, wie man es gewohnt ist: Der Trainer Andreas Zankl spornt seine Sportler zu Höchstleistungen an, während man lautes Schnaufen hört. Und man riecht die Schweißtropfen. Wie beim Betreten einer Sporthalle das so ist.

Erst nach einem Blick hinter den Trennvorhang sieht man, was in der Halle des Happylands in Klosterneuburg abends abgeht: Die Sitting Bulls trainieren wieder. Ein Spektakel, das Sportbegeisterte mal sehen sollten. Die Reifen quietschen, Bälle werden flink gedribbelt und Krachen (wenn die Rollis aufeinander prallen) schallt durch die gesamte Sporthalle – Rollstuhlbasketball ist ein Sport, der auch beim Publikum für Adrenalinschübe sorgt. Die Sitting Bulls bereiten sich in Klosterneuburg gerade auf den Ottobock Cup – veranstaltet vom ÖBSV – vor. Das größte Rollstuhlbasketballturnier Österreichs findet am 15. und 16. September in der Sporthalle Hopsagasse in Wien Brigittenau statt.

Vom eigentlichen Basketball – die Rollstuhlfahrer nennen es gewitzt “Fußgänger-Basketball”– unterscheidet sich die Rollstuhl-Variante kaum. Fünf Feldspieler pro Mannschaft, es werden die üblichen Positionen gespielt, selbst die Spielzüge wirken ähnlich. Die wahre Schönheit des Sports zeigt sich erst bei genauerem Hinsehen, denn: Die Spieler scheinen mit ihren speziell angefertigten Rollstuhl-Konstruktionen eins zu sein. Sie setzen ihr Sportgerät ein, als wäre es ein Teil ihres Körpers. Das muss auch so sein. Die Koordination von Ball, Rollstuhl und Ausweichmanövern ist nämlich genau getimet.

Bleibt noch die Frage, die am meisten unter den Nägeln brennt: Wie stehen die Spieler wieder auf, wenn sie mit ihrem Rollstuhl umfallen? So umständlich man es sich als Laie auch ausmalen mag, die Antwort ist recht simpel: Die Spieler halten die Balance und fallen kaum um. Im gesamten Training ist es einem Spieler passiert, dass er kurz den Boden küsste – in einem Augenblick und nach einer präzisen Bewegung rollt er aber auch schon wieder weiter Richtung Korb.

“Es ist der ideale Sport, bei dem Sportlern aus den unterschiedlichsten Behindertenklassen die Möglichkeit gegeben wird, gemeinsam eine Mannschaft zu bilden”, erklärt Matthias Wastian, Kapitän des Nationalteams und Spieler bei den Sitting Bulls. An die Spieler wird je nach Klassifikation eine Zahl von maximal viereinhalb Punkten vergeben, die sich mit dem Grad ihrer Beeinträchtigung ändert. Umso agiler und beweglicher ein Spieler ist, umso höher seine Punktezahl. Während eines Spiels darf die Gesamtpunktzahl der Feldspieler 14 nicht überschreiten.

Wie beim Fußgänger-Basketball müssen die Spieler den Ball während der Fortbewegung dribbeln, wobei sich die erste Schwierigkeit zeigt, denn die Hände werden auch zum antauchen des Rollstuhls benötigt. Umgangen wird die Hürde mit unglaublich flinken Handbewegungen und kleinen Tricks, bei denen der Rollstuhl zum Einsatz kommt: Fällt der Ball aus der Hand und rollt übers Spielfeld, klemmen ihn die Spieler zwischen Hand und Rädern ein, um ihn so ohne großen Aufwand sofort wieder Spielbereit zu haben.

Außerdem erfreulich: Österreich reißt was beim Rolli-Basketball. Erst kürzlich bei der EM in Belgien konnte das Nationalteam des ÖBSV in die Division A aufsteigen und spielt daher wieder in den Top-Riegen mit. Die gesamte Mannschaft – allen voran Matthias Wastian – strahlt auch genau diese Motivation aus. Wastian sprintet quer durch die Halle, trifft den Korb (der beim Rollstuhlbasketball übrigens auf derselben Höhe hängt wie bei den Fußgängern) mit enormer Sicherheit und strahlt nach guten Spielzügen über das ganze Gesicht.

Materialschonend ist das Ganze nicht wirklich. Die Sportgeräte sind verbeult, das metallische Klappern bei harten Zusammenstößen lässt eine hohe Verletzungsgefahr vermuten. Vor allem aber der Geruch nach verbranntem Gummi, der sich bei jeder Vollbremsung in der Halle verteilt, legt nahe, dass hier Verschleiß passiert. “Es kommt natürlich immer darauf an, wie hart man es angeht, aber so zwei bis drei Sätze Reifen brauche ich schon. Manchmal geht auch eine Felge zu Bruch”, antwortet Wastian auf die Frage, wie viele Räder er in einer Saison verheizt.

Nach dem zweistündigen Training bleibt eine Halle zurück, die die Stimmung von Anstrengung und Konzentration versprüht. Die Temperatur ist erhöht, es riecht nach Schweiß und der Klang des Dribbelns verhallt langsam, während die Spieler zurück in die Garderobe rollen. Rollstuhl-Basketball ist definitiv ein heißer Tipp für all jene, die auf schnellen Sport mit durchaus harten Kontakt-Momenten und einer Reihe an Wow-Momenten stehen. Die nächste Gelegenheit bietet sich schon kommendes Wochenende (15. und 16. September) beim Ottobock Cup in Wien.